Diabetes mellitus

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Di|a|be|tes mẹl|li|tus, der; - - [lat. mellitus = honigsüß] (Med.):
Krankheit, für die erhöhter Blutzuckergehalt u. Ausscheidung von Zucker im Urin typisch ist; Zuckerkrankheit.

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Diabetes mellitus
 
[lateinisch mellitus »honigsüß« (hier im Hinblick auf den Geschmack des Harns)] der, - -, Zuckerharnruhr, Zuckerkrankheit, Gruppe von Stoffwechselstörungen, die durch eine Erhöhung des Blutzuckers (Hyperglykämie) gekennzeichnet ist. Diese entsteht als Folge eines Insulinmangels entweder durch eine gestörte Insulinproduktion und Sekretion (absoluter Insulinmangel) und bzw. oder durch eine reduzierte Insulinwirkung (relativer Insulinmangel). Die chronische Erhöhung des Blutzuckers beim Diabetes mellitus ist mit einem erhöhten Risiko für Organschäden verbunden. Diese betreffen insbesondere Augen, Nieren, Nerven, Herz und Blutgefäße.
 
 
In Deutschland sind etwa 5% der Bevölkerung an Diabetes mellitus erkrankt. Der überwiegende Teil dieser Patienten sind Typ-2-Diabetiker, nur bei etwa 5-10 % aller Diabetiker besteht ein Typ-1-Diabetes.
 
 Entstehung der Hyperglykämie (Überzuckerung)
 
Steigt die Konzentration von Glucose im Blut über 6,7 mmol/l (120 mg/dl), besteht eine Hyperglykämie. Insulin ist für die Einschleusung von Traubenzucker (Glucose) in die Zellen erforderlich. Beim absoluten oder relativen Insulinmangel kommt es daher auch zu einer Verarmung der Muskelzellen an dem Energielieferanten Glucose, während der Glucosespiegel im Blut ansteigt. Die Diagnose des Diabetes mellitus wird durch den Nachweis einer Hyperglykämie gesichert.
 
 Insulinproduktion
 
Insulin wird in den Betazellen der Langerhans-Inseln gebildet, die in die Bauchspeicheldrüse eingelagert sind. Zusätzlich erfolgt bei jeder Mahlzeit eine variable, an die resorbierte Kohlenhydratmenge angepasste Insulinsekretion. In den Inseln werden neben Insulin auch die Hormone Glucagon und Somatostatin gebildet. Die Hormone werden direkt in das Blut der zur Leber führenden Pfortader ausgeschüttet. Der Großteil der Bauchspeicheldrüse fungiert als Verdauungsdrüse. In den so genannten Acinuszellen werden Verdauungsenzyme (u. a. Trypsin, Lipase und Amylase) produziert und über ein Gangsystem in den Zwölffingerdarm ausgeschüttet.
 
 Verschiedene Typen des Diabetes mellitus
 
Man unterscheidet unterschiedliche Typen des Diabetes mellitus, die alle durch erhöhte Blutzuckerwerte gekennzeichnet sind. Der Typ-1-Diabetes ist durch eine Zerstörung der insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse gekennzeichnet. Dadurch kommt es bei diesen Menschen zu einem absoluten Insulinmangel. Typ-1-Diabetiker müssen, in der Regel vom Zeitpunkt der Diagnosestellung an, Insulin spritzen. Der Typ-1-Diabetes beruht auf dem Zusammenwirken von genetischer Veranlagung und bisher nicht genau bekannten Umweltfaktoren. Dies lässt sich beispielhaft bei eineiigen (genetisch identischen) Zwillingen nachweisen. Wenn ein Zwilling an einem Typ-1-Diabetes erkrankt, beträgt das Risiko für den anderen Zwilling im Laufe seines Lebens ebenfalls an Diabetes zu erkranken 30-50 %. Beim Typ-2-Diabetes produziert die Bauchspeicheldrüse zwar anfangs noch Insulin, dieses wirkt allerdings an Körperzellen nicht mehr in ausreichendem Maße (Insulinresistenz), sodass zu wenig Glucose in die Zellen transportiert wird und eine Erhöhung der Blutzuckerwerte im Blut (Hyperglykämie) entsteht. Auslösende Faktoren für einen Typ-2-Diabetes sind Übergewicht, Fehlernährung (zu energie- und zu fettreich) und Bewegungsmangel. Meist besteht eine genetische Veranlagung. Bei dieser Diabetesart ist eine Ernährungsumstellung und bzw. oder Gewichtsreduktion bereits eine wirksame Therapie. Der Schwangerschaftsdiabetes (Gestationsdiabetes) betrifft in Deutschland 3-5 % aller schwangeren Frauen. Meist tritt die Störung des Stoffwechsels zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche auf. Eine Erkennung und Behandlung des Schwangerschaftsdiabetes ist unbedingt erforderlich, da er zu schweren Erkrankungen des Neugeborenen und zu einer Gefährdung der Mutter führen kann. Andere Diabetesformen haben vielfältige Ursachen. Der Anteil des Diabetes bei Cortisontherapie oder anderen Hormonerkrankungen beträgt nur 5-7 % an der Gesamtzahl der Diabetesfälle.
 
 Symptome des Diabetes mellitus
 
Die Kennzeichen des Diabetes mellitus sind abhängig vom Ausmaß des Insulinmangels. Typisch sind ein ausgeprägtes Durstgefühl, vermehrtes Wasserlassen, Müdigkeit und unbeabsichtigte Gewichtsabnahme. klinische Symptome können allerdings auch komplett fehlen, sodass sich der betroffene Patient zunächst relativ gesund fühlt. Sowohl bei Typ-1- als auch bei Typ-2-Diabetikern können hohe Blutzuckerspiegel zu erhöhter Infektneigung, eitrigen Hautentzündungen, Pilzbefall der Schleimhäute im Genital- und Analbereich (v. a. bei Frauen) oder auch zu lästigem Juckreiz am ganzen Körper führen. Im weiteren Verlauf der Erkrankung kann es bei Männern zu Potenzstörungen und bei Frauen gelegentlich zu Menstruationsstörungen kommen. Durch den chronisch erhöhten Blutzuckerspiegel können Folgeerkrankungen u. a. an Nieren, Augen, peripherem Nervensystem und Herzkranzgefäßen entstehen.
 
Bei Typ-1-Diabetikern beginnt die Krankheit meist plötzlich mit schwerem Krankheitsgefühl, Leistungsabfall, vermehrtem Durst und Wasserlassen sowie einer starken Gewichtsabnahme. Durch den absoluten Insulinmangel wird eine schnelle und starke Erhöhung des Blutzuckerspiegels und eine ausgeprägte Zuckerausscheidung im Harn bewirkt. Dabei kann es zu Glucoseverlusten bis zu 200 g je Tag kommen. Zusätzlich entfaltet der Zucker im Harn eine osmotische Wirkung und entzieht dem Körper Wasser. Harnflut und starkes Durstgefühl sind die Folgen. Der Körper kann Glucose nicht mehr als Energieträger verwerten und schmilzt sein Körperfett ein. Innerhalb weniger Wochen verlieren die Betroffenen mehrere Kilogramm an Körpergewicht. Sie fühlen sich müde, abgeschlagen und klagen über eine ausgeprägte Leistungsminderung. Durch den Flüssigkeitsverlust der Augenlinse und des Augapfels kann es zu Sehstörungen kommen, die sich aber nach Behandlung des akuten Stadiums der Erkrankung vollständig zurückbilden. Bei vielen Typ-1-Diabetikern wird der Diabetes mellitus erst im Zustand des diabetischen Komas diagnostiziert. Bei dieser Form der Bewusstlosigkeit beobachtet man einen obstartigen Geruch der ausgeatmeten Luft (Acetongeruch). Der Blutzuckerspiegel ist extrem hoch, das Blut ist übersäuert. Auch Fieber und Bauchschmerzen können auftreten. Wegen des häufigen Auftretens des Typ-1-Diabetes im Jugend- bzw. jungen Erwachsenenalter wurde er früher als juveniler Diabetes bezeichnet.
 
Der Typ-2-Diabetes entwickelt sich im Rahmen des so genannten Wohlstandssyndroms (metabolisches Syndrom). Diese Störung ist durch Übergewicht oder Fettsucht, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck und vermindertes Ansprechen des Körpers auf Insulin (Insulinresistenz) gekennzeichnet. Der Blutzuckerspiegel steigt langsam und schleichend an, ohne dass die Betroffenen sich beeinträchtigt oder krank fühlen. Schließlich können Abgeschlagenheit, Müdigkeit und Leistungsminderung auftreten. Häufig wiederkehrende Harnwegsinfekte oder schlecht heilende Wunden können durch einen unerkannten oder fehlerhaft eingestellten Diabetes bedingt sein. Operationen oder schwere Infektionen, die für den Körper eine Stresssituation darstellen, können einen Typ-2-Diabetes auslösen oder einen bestehenden Diabetes verschlechtern. Die Stoffwechselsituation des Typ-2-Diabetikers ist, im Unerschied zu der des Typ-1-Diabetikers, relativ stabil. Das diabetische Koma, als Extremvariante einer Stoffwechselentgleisung durch Insulinmangel, kommt bei dieser Form des Diabetes selten vor. Der Typ-2-Diabetes tritt meist erst im mittleren und höheren Lebensalter auf und wurde früher als Altersdiabetes bezeichnet. Bei ausgeprägter Fettsucht kann ein Typ-2-Diabetes allerdings auch schon im Jugendalter auftreten.
 
 Diagnostik des Diabetes mellitus
 
Die Diagnosestellung erfolgt durch die Erkennung der Symptome und die Blutzuckermessung. Letztere erfolgt entweder nüchtern oder in Zweifelsfällen mit einem Zuckerbelastungstest. Ein Nüchternblutzucker (im Plasma) von 126 mg/dl (entspricht 7,0 mmol/l) oder darüber zeigt einen Diabetes an. Beim Glucosetoleranztest werden 75 g Glucose als Flüssigkeit getrunken. Wenn der Blutglucosespiegel (im Plasma) nach 2 Stunden bei 200 mg/dl (11,1 mmol/l) oder darüber liegt, ist ein Diabetes vorhanden. Im Graubereich zwischen 160 mg/dl und 199 mg/dl besteht eine gestörte Glucosetoleranz, die als Vorstufe des Diabetes angesehen werden kann. Harnzuckermessungen oder Blutzuckerbestimmungen mit Teststreifen sind für die Diagnosestellung nicht geeignet. Sie sind jedoch sehr wertvoll für die Selbstkontrolle des Patienten einschließlich der Überwachung und Kontrolle der Behandlung.
 
 Behandlung des Diabetes mellitus
 
Für den Typ-1-Diabetiker gibt es keine therapeutische Alternative zum Insulin. Das synthetisch hergestellte Hormon wird in das subkutane Fettgewebe direkt unter die Haut gespritzt. Insulinbehandelte Diabetiker müssen sehr gut geschult werden. Die Blutzuckermessung müssen sie selbst durchführen, damit sie die Insulindosis nach Bedarf anpassen können. Inzwischen wird überwiegend Humaninsulin (menschliches Insulin) verwendet, das gentechnologisch hergestellt wird. Schweineinsuline und Rinderinsuline werden in Deutschland kaum noch verwendet. Unterschieden werden rasch, ultrarasch, mittellang (intermediär) und lang wirksame Insuline. Die Wirkdauer der einzelnen Insuline wird entweder durch Zusatzstoffe (Protamine), durch Abänderung der Insulinkristallgröße (Langzeitinsuline) oder der Molekülstruktur (Insulinanaloge) modifiziert. Alternative Anwendungsformen von Insulin, wie die Verabreichung durch Inhalation oder in Tablettenform, sind derzeit noch in Erprobung. Für den Typ-2-Diabetker steht zunächst die Ernährungstherapie im Vordergrund. Wichtig ist die Normalisierung des Körpergewichts mit Hilfe einer fettarmen, ballaststoffreichen (v. a. mit viel Salat und Gemüse) Kost. Daneben ist eine Änderung des Lebensstils mit regelmäßiger körperlicher Betätigung, Nikotinverzicht und geringem Alkoholkonsum von großer Bedeutung. Erst wenn diese Maßnahmen nicht mehr ausreichen, um den Blutzucker zu kontrollieren, ist die Behandlung mit Tabletten (orale Antidiabetika) angezeigt. Dazu stehen verschiedene Wirkstoffe mit unterschiedlichem Wirkmechanismus zur Verfügung. Metformin, Sulfonylharnstoffpräparate, Alpha-Glukosidasehemmer, Glinide und Glitazone (Sensitizer). Diese Medikamente können auch in unterschiedlicher Weise kombiniert werden. Wenn die Tabletten den Blutzucker nicht mehr auseichend senken, oder wenn die Medikamente aufgrund anderer Erkrankungen nicht genommen werden können, muss die Therapie auch bei Typ-2-Diabetikern auf Insulin umgestellt werden.
 
 Entstehung der Hypoglykämie (Unterzuckerung)
 
Von einer Hypoglykämie spricht man, wenn die Glucosekonzentration im Plasma einen Wert unter 50 mg/dl (unter 2,8 mmol/l) und im Vollblut unter 40 mg/dl (unter 2,2 mmol/l) erreicht. Eine schwere Hypoglykämie liegt vor, wenn Diabetiker zur Normalisierung des Blutzuckerspiegels fremde Hilfe benötigen. Unterzuckerungen verursachen bei geringer Absenkung der Blutglucosekonzentration leichte Beschwerden wie Zittern, Schwitzen und Schwächegefühl. Bei sehr niedrigen Konzentrationen kommt es zu schweren Störungen mit Bewusstseinsverlust. Häufigste Ursache für Unterzuckerungen sind Fehler bei der Behandlung mit Insulin. Die Therapie der Hypoglykämie besteht in der sofortigen Gabe von Traubenzucker oder gesüßtem Tee bzw. Fruchtsaft (rasch resorbierbare Kohlenhydrate). In der Klinik oder bei einem Arzt kann Glucose als Infusion direkt über die Vene gegeben werden.
 
 Diabetikerschulung
 
Bei kaum einer anderen chronischen Erkrankung sind Verhalten und Selbsttherapie des Diabetikers für den Krankheitsverlauf und die Prognose von so entscheidender Bedeutung. Die Schulung ist eine tragende Säule für die Behandlung des Diabetes. Wichtige Schulungsinhalte sind z. B. die Stoffwechselselbstkontrolle, die Ernährung sowie die Prävention von Folgekrankheiten (Fußpflege und -inspektion). Die Stoffwechselselbstkontrolle umfasst v. a. Blutglucose-Selbstmessung, Injektionstechniken, Umgang mit Insulin, Erkennen und Behandeln der Unterzuckerung.
 
 Ernährungstherapie bei Diabetes mellitus
 
Eine adäquate Ernährung trägt beim Diabetes mellitus wesentlich dazu bei normnahe Blutglucose- und Glycohämoglobinwerte, günstige Blutfett- und normale Blutdruckwerte sowie ein wünschenswertes Körpergewicht zu erreichen. Damit kann die Entstehung von Folgeschäden bei dieser Erkrankung, besonders von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Nierenversagen, vermieden werden. Außerdem kann eine ausgewogene Ernährung akuten Komplikationen (u. a. Unter- und Überzuckerungen) entgegenwirken. Insgesamt wird Diabetikern empfohlen, die Vielfalt des Lebensmittelangebotes zu nutzen. Vom Gebrauch spezieller Diabetikerprodukte wird abgeraten, da diese oft sehr teuer sind und gegenüber einer ausgewogenen vielfältigen Ernährung keinen vorteilhaften Effekt auf die Blutzuckerwerte erbringen. Die Anzahl der Mahlzeiten kann sich nach den persönlichen Vorlieben des Diabetikers richten. Auch Diabetiker, die Insulin spritzen müssen, lernen heute den Insulinbedarf anhand der Zusammensetzung der Mahlzeiten einzuschätzen. Lediglich die konventionelle Insulintherapie erfordert eine Nahrungsverteilung auf mehrere kleine Mahlzeiten (etwa 5-6) je Tag.
 
Wichtiger Bestandteil der Ernährungstherapie ist die individuelle Beratung des Diabetikers, die sich an den Vorlieben und therapeutischen Notwendigkeiten orientiert. Diese Beratung sollte durch Gruppenschulung mit einem standartisierten Stundenplan ergänzt werden.
 
Bei übergewichtigen Diabetikern ist in erster Linie auf eine Reduktion des Energiegehaltes der Nahrung zu achten, um das Körpergewicht zu vermindern. Damit lassen sich die verzögerte und unzureichende Insulinsekretion sowie die herabgesetzte Insulinwirkung günstig beeinflussen. Die Gewichtsabnahme kann häufig die mit dem Diabetes verbundenenen Fettstoffwechselstörungen und den Bluthochdruck vermindern. Anzustreben ist ein Body Mass Index (BMI) von 18,5-25 kg/m2.
 
Bei der Ernährung sollte die Gesamtmenge der Fette 35 % des täglichen Kalorienbedarfs nicht überschreiten, um das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen gering zu halten. Günstig sind ungesättigte Fettsäuren, die in pflanzlichen Ölen (z.B. Oliven-, Erdnuss-, Rapsöl), Nüssen oder Fisch (hier sind Hering, Lachs, Makrele und Thunfisch aufgrund der mehrfach ungesättigten Omegafettsäuren zu bevorzugen). Um die Zufuhr von gesättigtem Fett in der Nahrung möglichst gering zu halten, müssen fettarme Produkte bei Milch, Aufschnitt oder Gebäck u. a. ausgewählt werden.
 
Entgegen der verbreiteten Meinung Diabetiker sollten kohlenhydratfreie Nahrung zu sich nehmen, konnte in wissenschaftlichen Ernährungsstudien nachgewiesen werden, dass Kohlenhydrate für eine ausgewogene Ernährung bei Diabetikern wichtig sind. 45-60 % des täglichen Energiebedarfs sollten mit kohlenhydathaltigen Lebensmitteln, z. B. Hülsenfrüchte, Haferflocken, Reis, Obst, Gemüse oder Getreideprodukte, gedeckt werden.
 
Haushaltzucker ist bis zu einer Menge von 10 % der täglichen Energie für Diabetiker tolerierbar. Es empfiehlt sich allerdings den Zucker nicht isoliert oder gelöst in Getränken wie Kaffee zu verzehren, sondern beim Kochen oder Backen zu verwenden.
 
Kohlenhydrataustauscheinheiten (KHE) dienen den insulinbehandelten Diabetikern als Schätzhilfen zur Bestimmung der Insulindosis. Lebensmittelportionen, die 10-12 g verwertbare Kohlenhydrate ohne Ballaststoffe enthalten, können gegeneinander ausgetauscht werden. Blutzuckerselbstkontrollen ermöglichen eine individuelle Selbstanpassung der Insulindosis an die geplante bzw. verzehrte Nahrung. Für eventuelle Unterzuckerungen sollten immer rasch wirkende Kohlenhydrate bereitgehalten werden (Traubenzucker, mit Zucker gesüßte Tees u. a).
 
Zu den Lebensmitteln mit einem hohen Gehalt an Proteinen gehören Fleisch-, Fisch- und Milchprodukte. Die tägliche Proteinaufnahme kann zwischen 10 und 20 % der Gesamtenergie liegen. Bei einer diabetesbedingten Nierenerkrankung sollte die tägliche Proteinmenge 0,8 g/kg Körpergewicht nicht überschreiten (etwa 55-60 g Protein für eine Person mit 70 kg). Die Eiweißaufnahme sollte jedoch 0,6 g/kg Körpergewicht nicht unterschreiten, um eine Mangelernährung zu vermeiden.
 
Bei einer Behandlung mit Insulin bzw. Sulfonylharnstoffen sollten alkoholische Getränke immer in Verbindung mit einer kohlenhydrathaltigen Mahlzeit getrunken werden, um alkoholbedingte Unterzuckerungen zu vermeiden. 15 g Alkohol für Frauen bzw. 30 g Alkohol für Männer sind die empfohlenen oberen Grenzen für die tägliche Aufnahme. Bei weiteren Störungen (erhöhte Blutfettwerte, Bluthochdruck, Übergewicht oder Schwangerschaft) muss die Alkoholaufnahme reduziert werden.
 
Der Vitaminbedarf sollte v. a. durch frisches Obst und Gemüse sowie die Verwendung pflanzlicher Öle gedeckt werden. V. a. Lebensmittel, die natürlicherweise Antioxidantien (Vitamine A, C und E) enthalten, sollten täglich auf dem Speiseplan eines Diabetikers stehen.
 
Empfehlungen für die Flüssigkeitszufuhr unterscheiden sich bei Diabetikern nicht von denen der Nichtdiabetiker (1,5-2 Liter Wasser, Mineralwasser, Tee, Kaffee, mit energiefreien Süßstoffen versetzte Limonaden u. a.).
 
Um Kalorien zu reduzieren, können zum Süßen von Getränken und Mahlzeiten energiefreie Süßstoffe (Acesulfam-K, Aspartam, Cyclamat, Neohesperidin DC, Saccharin oder Thaumatin) verwendet werden. Zuckeraustauschstoffe wie Isomalt, Lactit, Maltit, Mannit, Sorbit. Xylit oder Fructose enthalten Kalorien und erhöhen die Blutzuckerwerte. Sie bringen Diabetikern keinen wesentlichen Vorteil gegenüber der Verwendung von Haushaltzucker. Bereits bei geringen Mengen sind blähende bzw. abführende Nebenwirkungen zu erwarten.
 
 Folgeerkrankungen des Diabetes mellitus mit Organschäden
 
In erster Linie wird das Blutgefäßsystem, und damit die Durchblutung der Organe, durch einen dauerhaft erhöhten Blutzuckerspiegel geschädigt. Als Folge der gestörten Durchblutung können die Organe ihre Funktionen nicht mehr optimal erfüllen. Man unterscheidet Veränderungen an den kleinen Blutgefäßen (z. B. an Gefäßen von Nieren, Augen und Nerven) von denen der großen Blutgefäße (z. B. an Herzkranzgefäßen, Arterien des Gehirns und der Beine).
 
Die Schädigung der Nieren (diabetische Nephropathie) kommt beim Diabetes mellitus häufig vor. Infolge chronisch erhöhter Blutglucosekonzentrationen wird die Filterfunktion der Nieren gestört. Durch die Schädigung der Nierenkörperchen können zunächst für den Körper wichtige Proteine (u. a. Albumine) nicht mehr zurückgefiltert werden. Ihre Ausscheidung erfolgt mit dem Harn (Albuminurie). Nach 25-30 Jahren Diabetesdauer haben 30-50 % aller Diabetiker eine Albuminurie. Daran kann sich ein fortschreitender Funktionsverlust der Nieren bis zum Nierenversagen anschließen. In den Industrieländern stellt die diabetische Nephropathie die häufigste Ursache für eine Nierenersatztherapie (Dialysebehandlung) dar. Jeder Typ-1-Diabetiker sollte ab dem 5. Erkrankungsjahr jährlich einmal eine Harnprobe auf Proteine untersuchen lassen. Beim Typ-2-Diabetiker sollte diese Maßnahme gleich nach der Diagnosestellung veranlasst werden. Die Nierenschäden lassen sich durch eine möglchst normnahe Einstellung des Blutzuckers und des Blutdrucks vermeiden oder zumindest hinauszögern. Besteht allerdings ein chronisches Nierenversagen mit Dialysepflichtigkeit, so ist die Schädigung der Nieren nicht mehr rückgängig zu machen. Mit einer Dialysebehandlung überleben nur die Hälfte der Typ-1-Diabetiker und ein Drittel der Typ-2-Diabetiker die ersten 5 Jahre.
 
Störungen des Sehvermögens stellen eine gefürchtete Komplikation des Diabetes mellitus dar. In Deutschland sind die meisten Erblindungen auf Diabeteserkankungen zurückzuführen. Lange Zeit schreiten krankhafte Veränderungen an den Blutgefäßen der Netzhaut des Auges (diabetische Retinopathie) voran, ohne dass der Betroffene eine Verschlechterung des Sehvermögens (Visus) feststellen kann. Die Veränderungen an den Blutgefäßen können allerdings schon frühzeitig bei augenärztlichen Kontrolluntersuchungen festgestellt werden. Die Untersuchung des Augenhintergrundes durch den Augenarzt ist einfach durchzuführen. Insbesondere durch eine Laserbehandlung kann ein Fortschreiten verhindert werden. Wenn einmal eine Visusminderung eingetreten ist, kann diese nur in seltenen Fällen wieder rüchgängig gemacht werden. Wesentlich für den Erhalt der Sehkraft sind eine normnahe Einstellung der Blutzucker- und der Blutdruckwerte sowie der Verzicht auf das Rauchen. Sorgfältige Kontrolluntersuchungen und eine enge Zusammenarbeit zwischen Hausarzt (bzw. Endokrinologe) und Augenarzt können Sehkraft und Lebensqualität des Diabetikers langfristig erhalten.
 
Erkrankungen des Nervensystems werden bei Diabetes mellitus sehr häufig beobachtet. Grundsätzlich muss zwischen Erkrankungen des peripheren und des zentralen Nervensystems unterschieden werden. Das zentrale Nervensystem ist vorwiegend bei akuten Diabeteskomplikationen (hypoglykämischer Schock, diabetisches Koma, Schlaganfall) betroffen. Unter den chronisch verlaufenden Erkrankungen des Nervensystems dominieren bei Diabetikern die Störungen am peripheren Nervensystem (diabetische Neuropathie). Letztere ist häufig und kommt sowohl beim Typ-1- als auch beim Typ-2-Diabetes vor. Je länger ein Diabetes besteht und je schlechter der Blutzucker eingestellt ist, desto höher ist das Risiko an einer diabetischen Neuropathie zu erkranken. Als erstes Symptom treten häufig Missempfindungen oder auch Schmerzen an den Füßen in Erscheinung. Wichtigste Therapie ist stets eine optimale Insulineinstellung. Zwar gibt es noch keine Heilungsmöglichkeiten, jedoch sind viele effektive pharmakologische, physiotherapeutische und andere Hilfen möglich, um die Symptome zu lindern. Die diabetische Neuropathie spielt außerdem eine wichtige Rolle bei der Entstehung des diabetischen Fußsyndroms.
 
Herz- und Kreislauferkrankungen stellen die häufigste Todesursache bei Diabetikern dar. Sowohl die großen Herzkranzgefäße als auch die kleinen Blutgefäße innerhalb des Herzmuskels können davon betroffen sein. Bei Diabetikern treten Herzinfarkte häufiger auf als bei Nichtdiabetikern und nehmen überwiegend einen ungünstigeren Verlauf. Durch die in vielen Fällen zusätzlich bestehende diabetische Schädigung des Nervensystems am Herzen kann es zu Störungen innerhalb der Schmerzleitung und zu Herzrhythmusstörungen kommen. Schmerzhafte Angina-pectoris-Anfälle fehlen bei Diabetikern häufiger als bei Nichtdiabetikern und sogar Herzinfarkte können klinisch stumm ablaufen. Erhöhte Blutdruckwerte (arterielle Hypertonie) und Fettstoffwechselstörungen schädigen zusätzlich die Gefäßwände und verursachen Verengungen (Stenosen) und Verstopfungen (Thrombosen) der Arterien. arteriosklerotische Veränderungen an den Blutgefäßen treten bei Diabetikern in einem früheren Alter auf als bei Nichtdiabetikern und zeigen einen aggressiveren Verlauf. Außerdem ist bei Diabetikern die Gerinnungsbereitschaft des Blutes erhöht, sodass die Gefahr für Herz- oder Hirninfarkte (Schlaganfall) hoch ist. Zigarettenrauchen wirkt sich bei Diabetikern bes. negativ auf die Durchblutung aus. Die medikamentöse Behandlung der koronaren Herzkrankheit erfolgt bei Diabetes mellitus mit Nitraten und Beta-Rezeptorenblockern. Damit wird die Durchblutung des Herzmuskels verbessert und der Sauerstoffbedarf reduziert. Ferner sollten Risikofaktoren, z. B. Rauchen und Übergewicht, ausgeschaltet werden. Zur medikamentösen Behandlung der koronaren Herzkrankheit gehört zusätzlich die Senkung erhöhter Blutdruck- und Blutfettwerte und die bestmögliche Einstellung des Blutzuckerspiegels. Zur Senkung des Cholesterolspiegels werden Lipidsenker eingesetzt. Zur Vorbeugung gegen arterielle thrombotische Verschlüsse hat sich Acetylsalicylsäure (z.B. Aspirin®) bewährt.
 
Das diabetische Fußsyndrom stellt eine der am meisten gefürchteten Folgeerkrankungen des Diabetes mellitus dar. Dabei können starke Verhornungen, Druckgeschwüre und begleitende Infektionen oder auch schwere Fußdeformitäten (z. B. mit Einbruch des Fußgewölbes) auftreten. Ursächlich stehen meist Schädigungen der Nerven des Fußes im Vordergrund. Daneben sind Durchblutungsstörungen der Bein- und Fußarterien Risikofaktoren für ein diabetisches Fußsyndrom. In vielen Fällen sind beide Ursachen miteinander verknüpft. Die Entwicklung dieser Störung kann durch eine gute Fußpflege und eine optimale Blutzuckereinstellung meist vermieden werden. Diabetiker sollten deshab täglich ihre Füße inspizieren, die Fußnägel adäquat pflegen und auf sachgemäße Schuh- und Einlagenversorgung achten. Für die Behandlung ist die Expertise eines Spezialzentrums notwendig, da diese wegen vieler möglicher Komplikationen sehr schwierig sein kann. Die geschädigte Stelle muss unbedingt von Druck entlastet werden. Je nach Befund kommen Antibiotika, durchblutungsfördernde Maßnahmen (auch Operationen), physiotherapeutische Übungen oder orthopädische Maßnahmen zum Einsatz. Derzeit ist in Deutschland das diabetische Fußsyndrom mit etwa 23 000 Fällen jährlich bei weitem die häufigste Ursache für Amputationen der unteren Gliedmaßen.
 
Der D. m. kann zur Einschränkung der Erwerbsfähigkeit führen. Bei der Berufswahl ist darauf zu achten, dass die Eigen- und Fremdgefährdung durch Stoffwechselentgleisungen gering ist. Die regelmäßige Stoffwechselkontrolle und eine diabetesgerechte Lebensweise am Arbeitsplatz müssen möglich sein. Spezielle Informationen sind über die Deutsche Diabetesgesellschaft, Bochum, erhältlich.
 
 
Internat. Konsensus über den Diabetischen Fuß, hg. v. M. Spranl, (dt. Übersetzung 1999);
 
Praxisleitlinien der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), Diabetes u. Stoffwechsel, Ztschr. für angewandte Diabetologie, hg. v. W. A. Scherbaum u. R. Landgraf, Bd. 11, Supplementheft 2 (2002).

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Di|a|be|tes mel|li|tus, der; - - [lat. mellitus = honigsüß] (Med.): Krankheit, für die erhöhter Blutzuckergehalt u. Ausscheidung von Zucker im Urin typisch ist; Zuckerkrankheit.

Universal-Lexikon. 2012.

Synonyme:

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